von Janna Degener
Man hört es überall: Wer Karriere machen will, sollte während des Studiums in Ausland gehen. Aber welche Rolle kann ein Semester in Finnland bei der Berufsorientierung wirklich spielen? Wie profitiert man ganz konkret im Vorstellungsgespräch von einem Praktikum in China? Und warum erwarten Arbeitgeber von ihren Bewerbern eigentlich Fremdsprachenkenntnisse und interkulturelle Kompetenzen? Vier auslandserfahrene Berufseinsteiger berichten von ihren Erfahrungen.
Deutschland in China vertreten
Als Studentin der Wirtschaftssinologie hatte Ulrike Färber gerade ein Semester und ein Praktikum in China verbracht, als sie eine Stellenausschreibung für den deutschen Pavillon auf der Expo in Shanghai entdeckte. Bei der Bewerbung kam ihr zugute, dass sie bereits fließend Englisch und Chinesisch sprach und das Land sehr gut kannte. Schon vor dem Vorstellungsgespräch wurde Ulrike klar, dass
sie während der Zeit in China an Selbstbewusstsein und Stressresistenz gewonnen hatte: „Ich habe das zum Beispiel bei dem ersten Bewerbungsgespräch gemerkt: Man ist schon noch aufgeregt, aber doch lockerer als früher. Man hat irgendwie im Hinterkopf: Ich habe ein Jahr alleine in China gelebt und, ja, was soll mir jetzt hier groß passieren?" Dass der Arbeitgeber im Gespräch plötzlich ins Englische und Chinesische wechselte, war dann auch kein Problem mehr: „Ich hatte mit meinen ausländischen Freunden in China häufig auf Englisch und Chinesisch kommuniziert und war wirklich daran gewöhnt."
Liebe zu Russland in Finnland entdeckt
Als persönliche Bereicherung hat auch Madeleine Block ihre Auslandsaufenthalte empfunden. Ein Studienjahr in Finnland hat der Betriebswirtin nicht nur eine Projektarbeit in einem finnischen Unternehmen verschafft, sondern auch ihr Interesse an Russland geweckt: „In Finnland bin ich erst auf die Idee gekommen, nach Russland zu gehen. Ich habe mich aus einem betriebswirtschaftlichen Hintergrund für Russlands Markt interessiert und
dort während des Studienaufenthaltes auch angefangen, die russische Sprache zu lernen. Zudem habe ich später in einem internationalen Team gearbeitet, das nicht nur aus Deutschen und Polen, sondern auch aus Russen und Bulgaren bestand". Zurzeit schreibt Madeleine in Sankt Petersburg an ihrer Dissertation. Sie hofft, dass ihre Russischkenntnisse und ihre Kontakte zu russischen Universitäten sich auch in Zukunft positiv auf ihre Karriere auswirken werden.
Madeleine (Promotionsstudentin in Sankt Petersburg)
Ulrike (Mitarbeit im deutschen Pavillon auf der Expo in China)
Christoph (Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg)
Auf dem Fachforum „Auslandserfahrener Nachwuchs: Mehrwert für die Wirtschaft!" wurde im September darüber diskutiert, wie sich Auslandsaufenthalte auf die Karriere auswirken und wie Unternehmen von auslandserfahrenden Hochschulabsolventen profitieren können. Neben Personalleitern und Geschäftsführern aus Unternehmen sowie Vertretern von Wirtschaftsverbänden waren auch Christoph, Madeleine, Stefan, Ulrike und viele weitere ehemalige DAAD-Stipendiaten dabei.
Kultursensibel Verhandeln - im Arbeitsalltag
Stefan Wörsdörfer verbrachte während seines dualen Bachelorstudiums einen Studien- und Praktikumsaufenthalt in Indien und absolvierte schließlich seinen Master in den Niederlanden. Gleich nach dem Abschluss bekam er eine Stelle bei einem Automobilzulieferer, bei dem er auch sein Praktikum in Indien verbracht hatte. Das Thema „Intercultural Awareness" ist dem international aufgestellten Unternehmen laut Stefan sehr wichtig: „Im Vorstellungsgespräch ist mein Arbeitgeber ausführlich darauf eingegangen, welche Erfahrungen ich während des Auslandsaufenthalts gemacht habe und welche Schlüsse ich daraus gezogen habe. Dabei spielte vor allem der Aufenthalt in Indien eine große Rolle". Seine Kulturkenntnis über Indien könne er im Arbeitsalltag zwar kaum einfließen lassen, aber die im Ausland gewonnene Sensibilität für andere Kulturen schon. Ein Beispiel: „In Verhandlungen mit einem asiatischen Lieferanten muss man anders agieren als mit einem europäischen Lieferanten: Man kann da nicht mit der Tür ins Haus fallen. Durch meine Auslandserfahrungen fällt es mir leichter, solche Verhaltensregeln zu beachten."
Auf Menschen zugehen - im Ausland und im Beruf
Auch Christoph Günther war während des Studiums gleich mehrmals im Ausland: Dank einer Kooperation seiner Hochschule verbrachte er ein Praktikum in der Nähe von Shanghai, dann studierte er im Rahmen des ERASMUS-Programms für ein Semester in England und schließlich bereitete er in einem koreanischen Labor seine Diplomarbeit vor. Heute ist er überzeugt: Nur weil er in Korea schon Forschungserfahrungen sammeln konnte, hat er danach eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg bekommen. Und dass er schon im Ausland immer wieder auf andere Menschen zugehen musste, hilft ihm heute im Kontakt mit seinen Studenten: „Im Rahmen meiner Arbeit muss ich zum Beispiel Übungen betreuen. Da hat man natürlich auch ganz unterschiedliche Menschen vor sich sitzen - verschiedene Charaktere aus ganz Deutschland oder auch internationale Studenten. Dadurch, dass man diese sehr anderen Mentalitäten erlebt hat, kann man besser damit umgehen." Um in Zukunft mehr Studierenden einen Auslandsaufenthalt ermöglichen zu können, spielt er jetzt mit dem Gedanken, eine Kooperation zwischen seiner deutschen und der koreanischen Hochschule aufzubauen. Auch ihn selbst lässt das Fernweh nicht los: Wenn er seine Forschungen abgeschlossen hat, möchte er Teile seiner Dissertation an einer südafrikanischen Universität schreiben.
Ulrike (Mitarbeit im deutschen Pavillon auf der Expo in China)
Christoph (Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg)
Madeleine (Promotionsstudentin in Sankt Petersburg)
Bilder 1-5: DAAD/ Janna Degener